Dossier
Présentation du Dossier par Eric Brun (EHESS, CSE) -
Vanessa Gemis (ULB)
Quelques remarques sur le rôle des intellectuels : l´exemple des philosophes yougoslaves réunis autour du journal "PRAXIS" par Krunoslav Stojakovic (Universität Bielefeld)
La bande dessinée : un bien marginal au regard de ses éditeurs par Floriane Philippe (ULB)
Hiérarchie des spécialités (para)médicales et marginalisation des vieux. Les effets de relégation de l’« humanisation » des maisons de retraite par Clément Bastien (GSPE) -
Olivia Rick (INS-HEA, GSPE)
Marginalisation de l’avant-garde littéraire italienne en France, 1900-1920 :
le cas de La Vraie Italie par Amotz Giladi (CSE, Paris)
Entretiens
Comptes-rendus d’ouvrages
Franco Moretti, Graphes, cartes et arbres. Modèles abstraits pour une autre histoire de la littérature par Claire Ducournau (Université Paris-Est LATTS)
Hervé Serry, Naissance de l’intellectuel catholique par Blaise Wilfert (ENS)
Luc Boltanski, Rendre la réalité inacceptable, à propos de la production de l’idéologie dominante par Michel Daccache (CSE, Centre de Sociologie Européenne / EHESS)
Roland Lardinois, L’Invention de l’Inde. Entre ésotérisme et science par Gisèle Sapiro (CNRS/CSE)
Documents
![]() | GI_Exil_Turkei PDF - 185.9 ko |
Nuage de mots clefs
Abbott administration art autorité avant-garde Bandes dessinées Bourdieu capital scolaire catholicisme champ médical Champs (théorie des) circulation collaboration Collins comparatisme cultural studies domination double marginalisation échanges intellectuels internationaux économie écrivains édition Edward Said élite épistémologie ethnographie événement exil expérience France gériatrie Grande Guerre hiérarchie des spécialités idéologie intellectuels littérature marché marginalisation méthodologie modélisation mondialisation mouvements étudiants musique nationalisme néolibéralisme obéissance Pan-latinité philosophie professions quantitatif résistance sciences sociales seconde guerre mondiale sociologie de la connaissance sociologie des idées traduction transfert culturel transnational Turquie université Yougoslavie champ contrat enseignement espace espace géographique espace social genre goût histoire des concepts méditerranée moyen âge post-modernisme réception revue science politique sociologie de l’art sociologie des sciences statistique syndicats territoire violence symbolique
Forum
Zwischen Außenseiterdasein und (...)
16 mai 17:09, par ValentinepBrennan
dont l’acceptation aurait pour consequence de rendre les routes difficiles. (...)
Numéro 01 - Janvier 2009
Zwischen Außenseiterdasein und Mitgestaltung : Deutsche Professoren in der Türkei 1933-1945
par Günal Incesu (Universität Bielefeld)
Résumé
Die Gerechtigkeit gebietet zu sagen, dass die Türkei ein schönes, zukunftsreiches Land mit einer Bevölkerung ist, die man wegen ihrer Begabung und natürlichen Fähigkeiten, wegen ihrer Gastlichkeit und natürlichem Vornehmheit lieben mag, wenn man lange genug unter ihnen gelebt hat, ihre Sprache gelernt und für ihre Sorgen und Nöte Verständnis gewonnen hat. Die Türkei ist gewiss kein Musterland westlicher Demokratie, das wird kein ernsthafter Türke behaupten und uns glauben machen wollen. Dazu sind die Mängel ihres Regimes viel zu deutlich, dazu ist der Unterschied zwischen Fassade und dem wirklichen Kenner des Landes zu offenkundig und dem ganzen Volke selbst bewusst [1].
Der von 1947 bis 1953 Regierende Bürgermeister in Berlin, Ernst Reuter, beschrieb 1947 im Artikel »Türkei im Brennpunkt« seine Einschätzung der politischen Situation in der Türkei sowie die innere und äußere Wandlung des Landes durch Mustafa Kemals Reformwerk. Wenn Reuter schreibt, dass er die Türkei kennen gelernt habe und wisse, wie es um die Nöte der Menschen bestellt sei, dann spricht er von den Erfahrungen, die er zwischen 1935 und 1946 in der Türkei gesammelt hat. Zweimalig von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager gesperrt, war Reuter gezwungen, Deutschland zu verlassen und in der Türkei ins Exil zu gehen, wo er als Berater für das Wirtschaftsministerium und als Professor für Städtebau tätig war [2]. Ernst Reuter war einer von circa hundert deutschen Professoren, die ab dem Wintersemester 1933/34 in der Türkei lehrten und wesentlich am Neuaufbau der Universitäten Istanbuls und Ankaras mitwirkten. Wie kam es zu dieser erwähnenswerten Konstellation in den deutsch-türkischen Beziehungen, die in anderen Zusammenhängen häufig auf die Geschichte der türkischen »Gastarbeiter« in Deutschland reduziert wird ?
Der folgende Beitrag versucht, diese Frage zu beleuchten und sie vor dem Hintergrund des grundsätzlichen Problems von Exil und Emigration zu erörtern [3].
Zu diesem Zwecke soll in einem ersten Schritt die historische Konstellation, die zum deutschen Exil in der Türkei führte, näher betrachtet werden. Im zweiten Teil verlagert sich der Fokus auf das Leben der Exilanten in der Türkei, die Probleme, die das Exil im Allgemeinen und in unserem Falle, in der Türkei, im Besonderen aufwarf. Als analytischen Zugriff für diese Thematik dienen Ausführungen Edward Saids, der unter anderem in seiner Studie »Intellectual Exile : Expatriates and Marginals« [4]die ‚doppelte Perspektive’ des Exilanten als entscheidendes Kriterium einführt, um die Situation des Intellektuellen im Exil zu charakterisieren. Abschließend soll die Bedeutung des Exils deutscher Intellektueller [5] und Wissenschaftler für die Weiterentwicklung des türkischen Hochschulwesens thematisiert werden.
»Nicht drei, sondern dreißig«
Die Frage, warum deutsche Intellektuelle in der Türkei ins Exil gingen und dort die kaum zu gering einzuschätzende Aufgabe wie die Grundsteinlegung des modernen türkischen Hochschulwesens übernahmen, ist mit zwei simultan ablaufenden Entwicklungen zu begründen. Zum einen herrschte in der Türkei die Nachfrage nach Experten, um das noch nach spätosmanischen Strukturen organisierte Hochschulwesen nach den Vorstellungen des Staatsgründers Mustafa Kemal von Grund auf zu reformieren. Zum anderen bedingte die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland die Entlassung und Vertreibung von jüdischen oder jüdischstämmigen Intellektuellen. Dass diese beiden Entwicklungen ineinander griffen, geht vor allem auf die »Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler« mit Sitz in Zürich zurück. Eine kurze Rekonstruktion dieser Prozesse erklärt, wie das deutsche Exil in der Türkei historisch einzuordnen ist.
Am 6. Juli 1933 fanden in Ankara Verhandlungen über die Neubesetzung der türkischen Universitäten Istanbuls und Ankaras statt. Anwesend waren unter anderem der Schweizer Pädagoge Albert Malche, der deutsche Pathologe Philipp Schwartz sowie der türkische Unterrichtsminister Resit Galip. Am Ende des Tages, nach siebenstündigen Verhandlungen, telegraphierte Schwartz nach Zürich an die Adresse der »Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland« : »Nicht drei, sondern dreißig« [6]. Gemeint war die Zahl der ordentlichen Professuren in der Türkei, die mit deutschen Professoren besetzt werden sollten. Somit wurde die Notgemeinschaft zu einer der bedeutendsten Vermittlungsstellen ausländischer Professoren.
Vor dem Hintergrund der Simultanität der Rahmenbedingungen (Nachfrage nach Experten von türkischer Seite und die Machtergreifung der Nationalsozialisten) ist hierbei zu beachten, dass es vor allem Deutsche und Österreicher waren, die in die Türkei berufen wurden. Unter der Leitung von Schwartz, der Anfang 1933 ins Exil nach Zürich ging, wurde sie dort bereits im April 1933 als »Beratungsstelle für deutsche Wissenschaftler« gegründet [7]. Aus seinen Erinnerungen geht hervor, dass die Notgemeinschaft über Albert Malches Tätigkeiten für die türkische Regierung über eine an die Notgemeinschaft adressierte Postkarte erfuhr [8]. 1932 war der Genfer Ständerat und Pädagogikprofessor von der türkischen Regierung beauftragt worden, ihr Hochschulwesen zu überprüfen und Reformvorschläge zu unterbreiten [9]. Hintergrund dieser Maßnahme war das Ziel der türkischen Regierung, die osmanischen Medresen [10] abzuschaffen und sie durch moderne, an westeuropäischen Universitäten orientierte Hochschulen zu ersetzen. Erst zehn Jahre nach der Gründung der türkischen Republik konnte man die für den Hochschulsektor angestrebten Reformen in Gang setzen. Diese konzentrierten sich auf die Gründung der YZE in Ankara (Yüksek Ziraat Ensitüsü – modernes landwirtschaftliches Hoschulinstitut) sowie auf die Reform der alten, religiös organisierten Istanbuler Universität »Dar-ül-fünün« [11].
Die Schnittstelle der Interessen erkennend, wandte sich Schwartz an Malche, um deutsche Professoren in die Türkei zu berufen und somit die Idee der an westeuropäischen Strukturen orientierten türkischen Hochschulpolitik durch deutsche Professoren in die Tat umzusetzen.
Das Exil deutscher Intellektueller in der Türkei wurde durch die Diskriminierung und Verfolgung der politischen Gegner des Nationalsozialismus und der jüdischstämmigen Deutschen bedingt [12]. Von zentraler Relevanz ist hierbei das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April 1933, welches die Grundlage für die Vertreibung und Verfolgung jüdischer und jüdischstämmiger Professoren herstellte. So heißt es in §3 (1) »Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen ; soweit es sich um Ehrenbeamte handelt, sind sie aus dem Amtsverhältnis zu entlassen« , sowie in §4 »Beamte die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, dass sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten, können aus dem Dienst entlassen werden« [13]. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, dass die Vertreibung missliebiger Beamter nicht willkürlich, sondern von nun an mit rechtlicher Grundlage erfolgen konnte.
Diese knapp skizzierten Entwicklungen in der Türkei und in Deutschland sind es, welche die Entstehung der Notgemeinschaft in Zürich und die damit verbundene Geschichte des deutschen Exils in der Türkei in Gang setzten. Wie aber sah das konkrete Exil aus ? Glaubt man manchen Äußerungen von Diplomaten und offiziellen Vertretern beider Nationen, war das deutsche Exil in der Türkei frei von Problemen und gar »das schönste Zeugnis der Verbindung zwischen den Völkern« [14]. Ganz so unreflektiert sieht dies die Forschung zu dem Themengebiet nicht. Es soll hier nicht bestritten werden, dass das Exil in der Türkei für viele Deutsche überaus positiv verlief, wie etwa das Beispiel von Ernst Reuter zeigt. Jedoch sind auch diffizile Zusammenhänge nicht zu verleugnen, wenn es um diese Thematik geht.
Die doppelte Perspektive eines Außenseiters
Um das im 20. Jahrhundert durch seine Massenhaftigkeit und Universalität zu einem globalen Problem gewordene Phänomen des Exils thematisieren zu können, bieten sich zwei Ebenen an : zum einen die Ebene der historischen Realität mit dem empirischen Faktum des Exils einer Person, die aus ihrem Heimatland gegen seinen Willen vertrieben wird, oder sich selbst (aus politischen Gründen) zum Exil gezwungen sieht. Zum anderen aber muss auch die Ebene der Selbstzeugnisse hinzugezogen werden, um die geistige Verarbeitung und die sprachlich-symbolische Deutung durch den betroffenen Menschen erfassen zu können [15]. Die subjektive Wahrnehmung, die anhand der Analyse von Ego-Dokumenten oder Briefwechseln erschlossen werden kann ist es, die uns in den folgenden Ausführungen beschäftigen soll.
Edward Said konstatiert in der öffentlichen Meinung ein weit verbreitetes Missverständnis, wenn es um die Thematisierung von Exil geht :
The fact is that for most exiles the difficulty consists not simply in being forced to live away from home, but rather, given today’s world in living with the many reminders that you are in exile, that your home is not in fact so far away, and that the normal traffic of everyday contemporary life keeps you in constant but tantalizing and unfulfilled touch with the old place. The exile therefore exists in a median state, neither completely at one with the new setting nor fully disencumbered of the old, beset with half-involvements and half-detachments, nostalgic and sentimental on one level, an adept mimic or a secret outcast on another [16].
Die Verbundenheit zur alten Heimat, die kontinuierliche Erinnerung an die Herkunft durch alltägliche Gegebenheiten lassen, so Said, den Exilanten in einer Art Orientierungslosigkeit zwischen der Verbundenheit und des ‚Nicht-los-lassen-Könnens’ der alten Heimat und der fehlenden kompletten Identifizierung mit der neuen zurück. Es ist diese Orientierungslosigkeit, die den Intellektuellen im Exil zum Außenseiter werden lässt, der, losgelöst von einer ‚normalen’ Karriere, seinen Weg finden muss :
For the intellectual an exilic displacement means being liberated from the usual career in which ‚doing well’ and follwing in time-honored footsteps are the main milestones. Exile means that you are always going to be marginal, and what you do as an intellectual has to be made up because you cannot follow a prescribed path [17].
Die Marginalität des Exilanten befähige ihn aber gleichzeitig, die »doppelte Perspektive« einzunehmen, die sich nur aus der Singularität des Exils erklären lasse. Sie sei es, die die Situation im Exil mit dem Gegenstück in der Heimat in Verbindung bringe und somit eine dem Exilanten eigene Sichtweise ermögliche :
Because the exile sees things both in terms of what has been left behind and what is actual here and now, there is a double perspective that never sees things in isolation. Every scene or situation in the new country necessarily draws on its counterpart on the old country. Intellectually this means that an idea or experience is always counterposed with another, therefore making them both appear in a sometimes new and unpredictable light : from that juxta-position one gets a better, perhaps even more universal idea of how to think, say, about a human rights issue in one situation by comparison with another [18].
Die Marginalität des Exils ist im Falle der deutschen Exilanten in der Türkei eine ambivalente Marginalität. Für diejenigen unter ihnen, die durch ihre jüdische Abstammung oder ihre politische Position zur Flucht vor dem nationalsozialistischen Regime gezwungen wurden, ist das Außenseiterdasein ein Doppeltes. Im Heimatland als Jude oder politischer Gegner ins Außenseiterdasein gedrängt, begegneten sie in der Türkei einem ihnen kulturell fremden Land, dessen Sitten und Bräuche, dessen Religion und dessen Sprache sie entweder gar nicht oder nur aus zweiter Hand kannten und sich somit erneut in der Rolle des Außenseiters befanden [19].
Der Romanist Erich Auerbach, der nach Istanbul geflüchtet war, ist ein Exempel für Saids Konstruktion der Figur des kulturkritischen Exilanten, der durch die Situation der Entwurzelung und durch die Konfrontation mit der fremden Kultur, durch die kulturelle Distanz also, zur vertieften kulturellen Reflexion befähigt wurde [20].
Gleichsam ist er ein Beispiel für die doppelte Marginalität des Exilanten, der sich sowohl in der Heimat als auch im Exil mit dem Außenseitertum konfrontiert sah. Erich Auerbach verlor 1935 als Jude seinen Lehrstuhl in Marburg und nahm eine Stelle an der Romanistischen Fakultät in Istanbul an. Er blieb bis 1945 in Istanbul und verfasste sein Hauptwerk »Mimesis« während seiner Zeit in der Türkei [21]. Wie folgende Zitate aus Auerbachs Briefwechseln mit Walter Benjamin und seinem einstigen Schüler Martin Hellweg deutlich machen, bildet sein Fall ein Beispiel für die Ambivalenz des Exils :
Die Wohnung am Bosporus ist herrlich, die Arbeit wissenschaftlich ganz primitiv, aber menschlich, politisch und organisatorisch überaus interessant. Das ganz ungeheuerliche Maß an Schwierigkeiten, Scherereien, Quertreibereien und Fehldispositionen seitens der hiesigen Stellen und aus den hiesigen Verhältnissen heraus, das einige Kollegen zur Verzweifelung treibt, ist mir nicht unerfreulich, weil es als Gegenstand der Beobachtung weit interessanter ist als etwaige Ziel meiner Tätigkeit, die ich übrigens, wie sich von selbst versteht, nach Kräften ordentlich ausübe [22].
Auerbachs anfängliche Begeisterung, der Brief ist von 1937, für die Schwierigkeiten mit den Behörden vor Ort und die Beobachtung der Verzweiflung seiner Kollegen zeigt, dass ihn die Arbeit in Istanbul, vorsichtig formuliert, nicht überforderte. Diese scheinbar anfänglich noch bestehende Akzeptanz der Schwächen der türkischen Bürokratie ist nach elf Jahren Exil in Frustration übergegangen, wie ein Auszug aus seinem Brief an Martin Hellweg vom 16. Mai 1947 zeigt :
So habe ich mich entschlossen, vorläufig einmal nach USA zu gehen, und will, wenn nichts dazwischen kommt, in einigen Monaten aufbrechen. Es kann aber noch allerhand dazwischen kommen, und es ist jedenfalls ein etwas gewagtes Unternehmen, da ich kaum Geld habe, und mir eine Stellung erst dort werde suchen müssen. Immerhin raten meine Freunde dort, es zu wagen. Hier will ich jedenfalls fort, wenn es irgend geht. Dabei ist es ganz behaglich ; aber 11 Jahre Türkei ist reichlich genug. Und man erreicht hier nichts ; die Dinge zerbröckeln einem unter den Händen [23].
Exemplarisch für die vielfältigen Probleme, mit welchen sich die deutschen Exilanten in der Türkei konfrontiert sahen, ist auch folgender Auszug aus einem Brief an Hellweg aus dem Jahr 1946 :
Es ist uns wirklich nicht schlecht gegangen, nur das wir ziemlich arm geworden sind ; Reserven habe ich damals nicht herausbringen können, das Gehalt ist sehr entwertet, um Clemens’ Expedition und Studium drüben ist ach eine finanziell schwierige Unternehmung, so das allmählich alle Wertgegenstände drauf gehen, selbst ein Teil meiner Bücher. Aber das sind bourgeoise Sorgen. Türken sind wir nicht geworden, jetzt sind wir wieder ‚passlose Deutsche’ ; alles ist provisorisch. An der Universität haben wir wohl einiges erreicht, aber längst nicht soviel, als möglich gewesen wäre ; die unsichere und oft dilettantische Politik der Verwaltung erschwert das Arbeiten sehr, wobei zuzugeben ist, dass sie es nicht leicht hat ; ich habe hier gelernt, wie schwer es ist, ein nicht europäisches Land in kurzer Zeit zu europäisieren ; die Gefahr der praktischen und moralischen Anarchie ist sehr groß [24].
Neben den finanziellen Schwierigkeiten und der bereits erwähnten Unzufriedenheit mit den Strukturen an der noch jungen Istanbuler Universität treffen wir in diesem Brief erneut auf die von Said betonte Marginalität des Exilanten : weder seien sie Türken geworden, noch seien sie Deutsche, da sie keinen Pass besaßen. Auerbachs Briefe machen erkennbar, dass das Leben im Exil, wie Said es später theoretisierte, sowohl auf der Ebene der Marginalität (Außenseiterdasein) aber auch durch alltägliche Erfahrungen, erschwert werden kann. Auerbachs wiederholte Kritik an den universitären Strukturen wäre ohne den Vergleich mit seinen vorherigen Erfahrungen an deutschen Universitäten nicht zu Stande gekommen. Was er als »Gefahr der praktischen und moralischen Anarchie« beschreibt, kann auch als Unfähigkeit gelesen werden, die Konfrontation mit anderen Mentalitätsstrukturen und Habitus zu verstehen.
In den Verträgen der deutschen Professoren wurde fest gehalten, dass sie die türkische Sprache erlernen mussten, um Vorlesungen und Lehrbücher gestalten zu können. Ferner wurde ihnen untersagt, sich über politische Belange der Türkei öffentlich zu äußern [25]. Für Auerbach und die anderen Exilanten wiederholte sich damit die Erfahrung der politischen Diskriminierung : das Verbot der öffentlichen politischen Stellungnahme. Ihre positive Privilegierung – deutsche Professoren verdienten mehr als ihre türkischen Kollegen – forderte Neid heraus, der in Ressentiments umschlagen konnte, zumal manch türkischer Wissenschaftler seinen Platz für die ankommenden Deutschen räumen musste. Neid und Ressentiments führten zu Sabotageaktionen gegen deutsche Professoren. Die Problematik des Exils in der Türkei wurde zudem dadurch erschwert, dass das NS-Regime die Einstellung jüdischer oder sozialdemokratischer Professoren zu hintertreiben versuchte [26].
»Sind Sie Arier oder nicht ? «
Die von Said eingeführte »doppelte Perspektive« des Exilanten, die anhaltende Bezugnahme auf oder die Erinnerungen an das Heimatland sind, im Falle der deutschen Exilanten in der Türkei, durch die Präsenz von Vertretern des NS-Regimes dramatisiert worden. Deutsche diplomatische Vertretungen im Ausland, Gestapo und der Sicherheitsdienst (SD) waren bereits ab 1933 damit beschäftigt, alle organisatorischen und technischen Maßnahmen in die Wege zu leiten, um die Exilanten, deren politische Tätigkeit gegen das NS-Regime oder regimekritische Äußerungen zu beobachten und gegebenenfalls Maßnahmen gegen sie zu ergreifen [27]. Jene Maßnahmen wurden teils vom Propagandaapparat von Reichsminister Joseph Goebbels in die Wege geleitet oder äußerten sich in Überwachungsmaßnahmen der Gestapo und des Auswärtigen Amtes. Passentzug, Rückkehrverbot und Geiselnahmen von Verwandten gehörten zu den konkreten Mitteln der Einschüchterung durch Vertreter des NS-Regimes. Die deutschen Intellektuellen in der Türkei wurden überwacht, während gleichzeitig die Propagandatätigkeiten forciert wurden. So wurde die Zeitung »Signal« in deutscher, englischer, französischer und in türkischer Sprache publiziert. Die »Türkische Post« , deren Inhalte vom Reichspropagandaministerium gesteuert wurden, wurde direkt in Istanbul vertrieben [28]. In diesem Zusammenhang bleibt die Rolle des deutschen Botschafters in der Türkei, Franz von Papen, bis dato noch wenig erforscht. Zwar gibt es Untersuchungen, die ihm eine enge Zusammenarbeit mit Joachim von Ribbentrop, dem Außenpolitischen Berater und Beauftragten der Reichsregierung für Abrüstungsfragen, beweisen, wie zum Beispiel der Bestechungsversuch türkischer Presse- und Rundfunkanstalten [29]. Er selbst aber stellt sich in seinen Erinnerungen als Gegner des Befehls von Hitler dar, den Emigranten die Pässe zu entziehen [30]. Zweifellos bestand jedoch enger Kontakt zwischen Hitler, von Ribbentrop und von Papen, anhand dessen die Mittel zur Überwachung der deutschen Exilanten sowie die Propagandatätigkeiten in der Türkei abgestimmt wurden [31].
Ein besonderes Beispiel der Überwachung der in die Türkei emigrierten Deutschen schildert ein sich in den Archiven des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes befindliches Dokument : der »Scurla Bericht« . Er veranschaulicht die offizielle Kultur- und Wissenschaftspolitik des Dritten Reichs auf eindringliche Art und Weise. Der Autor des Berichts, Herbert Scurla, war im Auftrag des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 11. bis 25. Mai 1939 in Ankara und Istanbul mit dem Ziel, die Tätigkeit der deutschen Hochschullehrer in der Türkei zu beurteilen [32].
Neben seinen Beobachtungen hatte er unter anderem folgenden Fragebogen zur Hand :
1. »Tag des Vertragsbeginns 2. Sind Sie Arier oder nicht ? 3. Sind Sie nichtarisch versippt ? 4. Ist Ihre Ehefrau arisch oder nichtarisch ? 5. Ist Ihre Ehefrau nichtarisch versippt ? 6. Sind Sie in Verbindung mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in den Ruhestand versetzt worden ?« [33].
Der »Scurla Bericht« ist als Beleg dafür anzusehen, wie konkrete Maßnahmen des NS-Regimes gegenüber deutschen und jüdischen Exilanten aussahen. So schlägt er in seinem Bericht Repressionsmaßnahmen wie Nichtgenehmigung oder Entzug der Genehmigung zur Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland vor sowie den Passentzug oder die Ausbürgerung der Betroffenen [34]. Der Bericht zeigt darüber hinaus, wie gut die Gestapo und das Auswärtige Amt über die Exilanten informiert waren, da Scurla bis zur zweiten Reihe der wissenschaftlichen Mitarbeiter der Professoren bestens über Lebenslauf und Aktivitäten informiert war [35]. Ziel der Nationalsozialisten war es, systemtreue Professoren ( »Arier« ) in der Türkei einzusetzen, um kritischen Exilanten zuvorzukommen. Doch war dieses Ziel, insbesondere in Istanbul, folgt man dem Scurla Bericht, nicht von Erfolg gekrönt :
Es wird daher auch in Zukunft damit gerechnet werden müssen, daß die Universität Istanbul freiwerdende Lehrstühle in erster Linie mit Emigranten besetzen wird. Diese Sachlage läßt es im Hinblick auf die große Bedeutung, die der Universität Istanbul als zur Zeit einziger türkischer Universität im wissenschaftlichen Leben der Türkei zukommt, und im Hinblick auf den außerordentlichen Einfluß der Emigranten erforderlich erscheinen, daß deutscherseits Maßnahmen erwogen werden, um die Stellung der Emigranten an der Universität Istanbul zu schwächen […]. Einmal wird dafür zu Sorge tragen sein, daß in Istanbul tätige Emigranten, die gegen Interessen des Reichs verstoßen, rücksichtslos ausgebürgert werden. Diese Ausbürgerung sollte sich in erster Linie auf nichtarische Wissenschaftler erstrecken, leider hat sich nicht verhindern lassen, daß der erste ausgebürgerte Hochschullehrer (Professor Kessler) ein Arier ist […]. Im großen ganzen wird man sich aber damit abfinden müssen, daß die Universität Istanbul auf längere Sicht hin keine geeignete Grundlage für einen deutschen kulturpolitischen Einsatz in der Türkei abgeben kann [36].
Der Bericht ist, wie dieser Auszug zeigt, exemplarisch für die nationalsozialistischen Versuche der Infiltration türkischer Öffentlichkeiten. Diese Versuche blieben indes, und dies gilt auch für das Rundfunk- und Pressewesen, weitestgehend erfolglos [37]. Der noch junge türkische Staat hatte Albert Malche mit der Reformierung des Hochschulwesens beauftragt und wollte sich, so Fritz Neumarks Analyse, in kulturellen Fragen nicht von den Nationalsozialisten reinreden lassen [38]. Hinzu kam, dass die Nationalsozialisten die Berufung von jüdischen oder oppositionellen Professoren, die international einen sehr guten Ruf genossen und somit für den Neuaufbau des türkischen Hochschulwesens von hohem Wert waren, verhindern wollten.
Die Aussage Scurlas, dass die Emigranten einen »außerordentlichen Einfluß« an der Universität Istanbul hatten, führt uns zu der Frage nach den Wirkungsmöglichkeiten der deutschen Professoren und deren Bedeutung für die Entwicklung des türkischen Hochschulwesens. Denn bei allen Problemen, die bisher beschrieben wurden, darf nicht vergessen werden, welches ursprüngliche Ziel von türkischer Seite ausgesprochen wurde : Die Reformierung der Hochschulen nach westeuropäischem Vorbild.
Spuren
Die Annäherung der Türkei an Westeuropa, die radikale Kulturrevolution durch die Abschaffung des Kalifats, die Einführung des lateinischen Alphabets, die Säkularisierung des Staates durch die Verdrängung der Religion aus dem öffentlichen Leben, die Alphabetisierung der Bauern, die Herstellung eines allem anderen untergeordneten Türkentums : all dies fand zu jener Zeit statt, als deutsche Intellektuelle ins Exil in die Türkei gingen. Sie erlebten diese Zeit nicht nur als Augenzeugen, sondern gestalteten sie durch ihre Lehrtätigkeit und ihre wissenschaftlichen Arbeiten auch mit. Die Professoren der Rechtswissenschaft Ernst Hirsch und Andreas Schwartz etwa führten die angehenden türkischen Juristen in das Italienische Strafrecht und das Schweizer Zivilrecht ein, die zuvor ohne Auslassungen in der neuen republikanischen Türkei übernommen worden waren. Paul Hindemith, Carl Ebert und Eduard Zuckmayer errichteten 1935 das staatliche Konservatorium in Ankara maßgeblich nach westeuropäischen Standards. Bruno Traut, Martin Elsäßer, Martin Wagner, Gustav Oelsner und Clemens Holzmeister lehrten Architektur an der Akademie der Schönen Künste in Istanbul. Doch über die Lehre hinaus waren sie auch städtebaulich an der Verbesserung der Infrastruktur von Dörfern oder dem Bau des Parlamentsgebäudes in Ankara beteiligt [39]. Auch das Steuerrecht wurde durch einen deutschen Exilanten mitgeprägt. Der Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler Fritz Neumark fungierte neben seiner Hochschultätigkeit auch als Berater für die türkische Regierung in wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen. Darüber hinaus war er außerdem an der Vorbereitung und Einführung der türkischen Einkommenssteuer 1950 beteiligt [40]. »Die Verfassung der türkischen Republik« von 1982 ist ein Standardwerk geworden. Verfasst wurde es von Ernst Hirsch, der bis 1952 entscheidend den Aufbau der Istanbuler Universität mitgestaltete und später auch an der Universität Ankara lehrte. Ferner lernte er innerhalb kürzester Zeit die türkische Sprache, so dass er seine Vorlesungen halten und seine Publikationen in der Landessprache veröffentlichen konnte [41]. Ein anderer Deutscher, der noch heute verwendete Lehrbücher in türkischer Sprache auf dem Gebiet der Verwaltungs- und Kommunalwissenschaften schrieb, war Ernst Reuter, mit dessen Zitat dieser Beitrag begonnen hat. Er ist, ganz im Gegensatz zu Auerbach, einer derjenigen Exilanten gewesen, die sich mit der Türkei identifizieren konnten. Später sprach er gar von seinem oder unserem Land Türkei. Es können noch zahlreiche andere Beispiel genannt werden, wie etwa die Landwirtschaftlich-tierärztliche Hochschule in Ankara deren Errichtung und Arbeiten von großer Bedeutung für die landwirtschaftlich geprägte Türkei waren.
In all diesen Fällen wurde die von Said skizzierte ‚doppelte Perspektive’ wirksam. Rechtswissenschaftler, Finanzwissenschaftler oder Städteplaner wirkten aus der ‚doppelten Perspektive’ am Neuaufbau türkischer Institutionen mit. Sie transferierten ihr durch die Weimarer Republik geprägtes Wissen in den Neuaufbau türkischer staatlicher Institutionen, aber auch in das Bildungswesen, das Finanzrecht oder in den Städtebau. Der Einfluss der deutschen Professoren auf die noch jungen Hochschulen in der Türkei kann durchaus als beachtlich bezeichnet werden [42]. Dieser positive Einfluss sollte in der wissenschaftlichen Betrachtung jedoch immer von den Schwierigkeiten des Exils für die individuelle Person getrennt werden. Selbst bei Ernst Hirsch, der so entscheidenden Einfluss auf die türkische Rechtssprechung hatte, treffen wir die Ambivalenz des Exils sowie Saids ‚Orientierungslosigkeit’ wieder, wenn er in seiner Autobiographie schreibt :
Wir waren die ‚ausländischen Professoren’ und blieben es für die Masse des Volkes selbst dann noch, als einigen von uns – darunter auch mir – nach zehnjähriger Tätigkeit die türkische Staatsbürgerschaft verliehen wurde [43].
[1] Reuter E., Türkei im Brennpunkt, in : Atatürk in deutscher Sicht, DW-Dokumente, hrsg. von Deutsche Welle (Schriftenreihe der Deutschen Welle zu Themen der Zeit), 5. Aufl., Köln, 1988, S. 39-44, hier : S. 42.
[2] Vgl. Bürgel Silke, Leben und Wirken Ernst Reuters in der Türkei, Bonn, Friedrich-Ebert-Stiftung, 1989. ; Schwenger Hannes, Ernst Reuter. Ein Zivilist im Kalten Krieg, München, Piper, 1987, 107 S. ; Brandt Willy/Löwenthal Richard, Ernst Reuter. Ein Leben für die Freiheit : Eine politische Biographie, München, Kindler, 1957, 458 S. ; Ausführungen zu seiner Zeit in der Türkei, S. 294-339.
[3] Die Vielzahl verschiedener Professoren und deren Tätigkeiten in der Türkei kann in den folgenden Ausführungen nicht näher erläutert werden. Für einen Überblick sei verwiesen auf : Hoss Christiane, »Verfolgung und Emigrationswege der von Scurla benannten Flüchtlinge und ihrer Familien« , in : Sen Faruk/Halm Dirk /Hg.), Exil unter Halbmond und Stern. Herbert Scurlas Bericht über die Tätigkeit deutscher Hochschullehrer in der Türkei während der Zeit des Nationalsozialismus, Essen, Klartext, 2007, S.113-202.
[4] Said Edward, »Intellectual Exile : Expatriates and Marginals« , in : Bayoumi Moustafa/Rubin Andrew (Hg.), The Edward Said Reader, New York, Vintage Books, 2000, S. 368-381.
[5] Dem Autor ist bewusst, dass der Terminus »Intellektueller« näher spezifiziert werden muss. Der Intellektuelle ist hier nicht der kritisch Eingreifende, sondern derjenige, der sein kulturelles Kapital für den Neuaufbau einer Bildungslandschaft einsetzt. Vgl. zu Definitionen von Intellektuellen u. a. Gilcher-Holtey Ingrid, Eingreifendes Denken. Die Wirkungschancen von Intellektuellen, Weilerswist, Velbrück, 2007, 399 S.
[6] Peukert Helge (Hg.), Philipp Schwartz : Notgemeinschaft : Zur Emigration deutscher Wissenschaftler nach 1933 in die Türkei, Marburg, Metropolis, 1995, 100 S., hier : S. 4. Verteilung deutscher Hochschullehrer in Istanbul wie folgt : Medizinische Fakultät : Friedrich Dessauer, Erich Frank, Josef Igersheimer, Adolf Kantorowicz, Wilhelm Liepmann, Rudolf Nissen, Phillip Schwartz, Max Sgalitzer u.a. ; Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät : Fritz Arndt, F.L. Breusch, Curt Kasswig, E. F. Freundlich, Alfred Heilbronn, Arthur v. Hippel, Richard v. Mises, Willy Prager u.a. ; Juristische/Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät : Josef Dobretsberger, Ernst Hirsch, Richard Honig, Gerhard Kessler, Fritz Neumark, Wilhelm Röpke, Alexander Rüstow, Andreas Schwartz, Karl Strupp u.a. ; Architekturabteilung der Technischen Hochschule : Clemens Holzmeister, Gustav Oelsner, Bruno Traut u.a.
[7] Vgl. Widmann Horst, Exil und Bildungshilfe : Die deutschsprachige akademische Emigration in die Türkei nach 1933, Frankfurt/Main, Peter Lang, 1973, 308 S., hier : S. 53.
[8] Schwartz, Notgemeinschaft, S. 43.
[9] Vgl. Widmann, Exil, S. 54.
[10] Typus der islamischen Hochschule, in der Lehre, Gebet, und Bildung vereint wurde.
[11] Die teils heftige Kritik an der alten Universität geht besonders aus folgendem Zitat des Unterrichtsministers Resit Galip bei der Eröffnung der neuen Universität Istanbul am 1.8.1933 hervor : »Im Lande haben sich grosse politische und soziale Umwälzungen vollzogen. Die Universität blieb demgegenüber in der Rolle eines neutralen Beobachters. Im Bereich der Wirtschaft haben sich grundlegende Ereignisse abgespielt. Das Dar-ül-fünun schien davon nichts zu wissen. Im Rechtswesen haben sich radikale Veränderungen vollzogen. Das Dar-ül-fünun begnügte sich damit, lediglich die neuen Gesetze in das Unterrichtsprogramm aufzunehmen. Die Schriftreform hatte stattgefunden, die Bewegung der Sprachreinigung hatte begonnen ; das Dar-ül-fünun kümmerte sich überhaupt nicht darum. Eine neue Geschichtsauffassung verband im Sinne einer nationalen Bewegung das ganze Land. Um im Dar-ül-fünun dafür Interesse erwecken zu können, war es notwendig, bis zu 3 Jahren zu warten und sich zu mühen. Das Istanbuler Dar-ül-fünun ist schliesslich zum Stillstand gekommen, hat sich abgekapselt und hat sich in einer mittelalterlichen Isolierung von der Aussenwelt vollständig zurückgezogen« , zitiert nach : Widmann, Exil, S. 42.
[12] Dies trifft für den Großteil der in die Türkei emigrierten Professoren zu, nicht aber für alle. Die Gruppe der Exilanten bestand nicht ausschließlich aus Verfolgten und Opfern des nationalsozialistischen Regimes, einige waren überzeugt dem deutschen Kulturkonservatismus verbunden, der sich in den Jahren der Weimarer Republik neu formierte ; vgl. dazu Stauth Georg/ Birtek Faruk, »Istanbul. Intellektuelle und symbolische Migration« , in : dies. (Hg.), Istanbul. Geistige Wanderungen aus der »Welt in Scherben« , Bielefeld, Transcript, 2007, S. 7-19.
[13] Zitiert aus : Sen/Halm, Exil, S. 212.
[14] So der ehemalige deutsche Botschafter in der Türkei Dr. Ekkerhard Eickhoff in seinem Geleitwort zur 5. Auflage des von der Deutschen Welle herausgegebenen Sammelbandes »Atatürk in Deutscher Sicht« , S. 14.
[15] Vgl. hierzu Stammen Theo, »Exil und Emigration – Versuch einer Theoretisierung« , in : Krohn Claus-Dieter u.a. (Hg.), Exilforschung, ein internationales Jahrbuch, Bd. 5, 1987, München, Edition Text und Kritik, 1987, S. 11-27
[16] Said, Intellectual Exile, S. 380.
[17] Ebd., S. 379-380.
[18] Ebd., S. 378 ; vgl. zu dieser Thematik auch andere Schriften Saids ; Said Edward, »Intellektuelles Exil : Vertriebene und Grenzgänger« , in : ders., Götter, die keine sind. Der Ort des Intellektuellen, Berlin, Berlin Verlag, 1997, S. 53-72. ; ders., »Reflections on Exile« , in : ders., Reflections on exile and other essays, Cambridge, Harvard University Press, 2000, S. 173-197.
[19] Die Unkenntnis der Türkei kann an folgendem Zitat aus den Erinnerungen von Fritz Neumark beispielhaft gezeigt werden : »Das Land, in das wir kamen, war den meisten von uns völlig unbekannt. […] Wir wußten allenfalls, daß es keinen Sultan und keinen Kalifen mehr dort gab, daß das alte Osmanische Reich nach den zahllosen Kriegen, an denen es sich beteiligt hatte, durch Kemal Pascha zu einer Republik umgestaltet worden war – aber das waren auch so ziemlich alle unsere Kenntnisse« . Neumark Fritz, Zuflucht am Bosporus. Deutsche Gelehrte, Politiker und Künstler in der Emigration 1933-1953, Frankfurt/Main, Knecht, 1980, 288 S., hier : S. 56. In seinen Eindrücken bei seiner Ankunft in der Türkei schildert Neumark einige Beispiele, welche die Eingewöhnungszeit und die Fremdheit gegenüber der Türkei veranschaulichen. Ebd., S. 56-71.
[20] Vgl. die Untersuchung Sigrid Nökels, die Saids Bewunderung für Auerbach herausstellt und sein Verständnis des metaphysischen Exils veranschaulicht : Nökel Sigrid, »Said – Orientalismus – Exil : Die Ambivalenz des Exil – Daseins zwischen Bruch und Re-Fundamentalisierung des Eigenen« , in Stauth/Birtek, Istanbul, S. 131-155.
[21] Vgl. ebd. S. 134 ; Für Said ist Werk »Mimesis« geradezu ein Paradebeispiel von einer Arbeit, die so nur im Exil entstehen könne.
[22] Zitiert aus : Barck Karlheinz, »5 Briefe Auerbachs an Walter Benjamin in Paris« , in : Zeitschrift für Germanistik, Heft 6, Leipzig, 1988, S. 688-694, hier : S. 691.
[23] Vialon Martin (Hg.), Erich Auerbachs Briefe an Martin Hellweg, Basel, Francke, 1997, 159 S., hier : S. 77.
[24] Ebd., S. 70.
[25] Schwartz, Notgemeinschaft, S. 19.
[26] Arthur von Hippel war einer der Exilanten an der Istanbuler Universität und beschrieb die Situation wie folgt : »There were twenty five to thirty professor with their families – mostly refugees selected by Professor Schwartz and his advisors in Zurich – who formed the nucleus of a modern university. The old Turkish faculty had been dismissed, but was still a powerful adversary with connetions in Parliament. Therefore we newcomers, with the shock of exile in our bones, found ourselves surrounded by intrigues in a strange culture. Any success or mishap affected us all. This was a severe testing ground for human qualities. It would have been an exciting experiment for a psychologist« , zitiert aus : Reisman Arnold /Capar Ismail, The Nazis’ Gifts to Turkish Higher Education and Inadvertently to Us All : Modernization of Turkish universities (1933-1945) and its impact on present science and culture, 2004, S. 28 ; abrufbar unter http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm ?abstract_id=624525 (Stand : 17. September 2008). In seinen Erinnerungen beschreibt von Hippel folgende Vorkommnisse im Wartezimmer des Mediziners Josef Igersheimer. Die Beschreibung zeigt wie weit die Sabotage führen konnte und welche Missgunst unter einigen Türken geherrscht haben muss : »He initially found that his waiting room was always empty. At last he discovered that his predecessor had hired a beggar to sit in front of the office entrance to tell approaching prospective patients that they would be made blind. After this obstacle was removed, the hospital flourished and a few months later Igersheimer was asked to do cataract operation on a minister« , zitiert aus ebd.
[27] Vgl. hierzu Tutas Herbert, Nationalsozialismus und Exil. Die Politik des Dritten Reichs gegenüber der deutschen politischen Emigration 1933-1939, München, Hanser, 1975, 354 S.
[28] Vgl. Bozay Kemal, Exil Türkei : Ein Forschungsbeitrag zur deutschsprachigen Emigration in der Türkei (1933-1945), Münster, Lit Verlag, 2001, 131 S., hier : S. 61. Eine ausführliche Darstellung der nationalsozialistischen Propaganda in der Türkei bietet Glasneck Johannes, Methoden der deutsch-faschistischen Propagandatätigkeit in der Türkei vor und während des Zweiten Weltkrieges, Halle, Martin-Luther-Universität Wittenberg, 1966, 46 S.
[29] Vgl. Bozat, Exil, S. 61 ; Önder Zehra, »Die türkische Außenpolitik im Zweiten Weltkrieg« , in : Südosteuropäische Arbeiten 73, München, 1977, S. 138.
[30] Von Papen Franz, Der Wahrheit eine Gasse, München, Paul List Verlag, 1952, 677 S., hier S. 593. Auch der Biograph Hans Rein beschreibt von Papen als Helfer der deutschen Exilanten ; dies darf jedoch in diesem Ausmaß angezweifelt werden, da er scheinbar unkritisch von Papens eigene Darstellungen übernimmt : Rein Hans, Franz von Papen im Zwielicht der Geschichte. Sein letzter Prozeß, Baden-Baden, Nomos, 1979, 157 S., hier : S. 76.
[31] Vgl. Petzold Joachim, Franz von Papen. Ein deutsches Verhängnis, München, Union, 1995, 335 S., hier : S. 260 : »Er wollte in völliger Übereinstimmung mit Hitler und Ribbentrop ein Verhalten der Türkei bewirken, das den jeweiligen deutschen Interessen entsprach. Diese Absicht reichte vom Bestreben, die Meerengen durch konsequente Neutralität militärisch gesperrt zu halten, bis zur Hoffnung auf türkische Waffenhilfe gegen die Sowjetunion.«
[32] Der Scurla Bericht. Bericht de Oberregierungsrates Dr. rer. pol. Herbert Scurla von der Auslandsabteilung des Reichserziehungsministeriums in Berlin über seine Dienstreise nach Ankara und Istanbul vom 11. – 25. Mai 1939 : »Die Tätigkeit deutscher Hochschullehrer in der Türkei 1933-1939« , herausgegeben v. Klaus-Detlev Grothusen, Frankfurt/Main, 1987.
[33] Ebd., S. 39.
[34] Scurla Bericht, S. 119. Gemeint sind hier die Nachzügler, die direkt von Deutschland in die Türkei kamen, und nicht über Zürich.
[35] Vgl. hierzu Grothusen Klaus-Detlev, Einleitung in ebd., S. 13-32.
[36] Scurla Bericht, S. 116.
[37] Zu anderen Entwicklungen wie die erfolgreiche Einflussnahme auf die bereits vorhandene deutsche Kolonie in Istanbul und die Unterstützung panturkischer Ideen vgl. Bozat, S. 63.
[38] Neumark Fritz, »Kritische Anmerkungen zu dem ‚Scurla Bericht’« , in : Halm/Sen, Exil, S. 101-112, hier : S. 103.
[39] Vgl. für eine ausführlichere Darstellung das Begleitheft zu einer Ausstellung des Yol Kulturforums in München : Cremer Jan/Przytulla Horst, Exil Türkei, Deutschsprachige Emigranten in der Türkei – Türkiye’deki Alman asilli politik göcmenler 1933-1945, München, Lipp, 1991, 96 S., hier : S. 42.
[40] Vgl. Atatürk in deutscher Sicht, S. 46.
[41] Vgl. seine Autobiographie : Hirsch Ernst E., Aus den Kaisers Zeiten durch die Weimarer Republik in das Land Atatürks, Schweitzer, München, 1982, 345 S.
[42] Für einen detaillierten Überblick über die Professoren an den verschiedenen Fakultäten und deren Tätigkeiten vgl. Reisman/Capar, The Nazi’s Gifts, S. 6-25.
[43] Hirsch, Aus den Kaisers Zeiten, S. 196.
